Nach dem aufregenden Start und den spektakulären Blicken auf die Erde aus der ersten Erdumlaufbahn hatte sich so etwas wie Bordroutine eingestellt. Die meisten Reisenden waren abwechselnd am Dösen, Essen und Filme schauen. Um allen Gästen etwas Ruhe zu gönnen um Energie für die kommenden Erlebnisse zu sammeln, waren die Jalousien vor den Fenstern die meiste Zeit nach unten gefahren. Hin und wieder meldete sich die Pilotin aus dem Cockpit und beschrieb den aktuellen Stand des Manövers, die Fensterverdunkelungen wurden hochgefahren, Handys gezückt und Fotos gemacht. Aber nach der anfänglichen Begeisterung über die Schwerelosigkeit in der Umlaufbahn, die Abschnitte starker Beschleunigung und immer wieder diese beeindruckenden Blicke, war Ruhe eingekehrt. Alle waren doch etwas erschöpft von der Aufregung, dem vorangegangenen Training und warteten nun vor allem auf das Ziel, das nach zwei weiteren Reisetagen erreicht werden sollte: der Mond…
So etwas stelle ich mir vor, wenn ich den Begriff “Weltraumtourismus” höre und bekomme direkt Lust ein Ticket zu buchen. So ähnlich scheint es auch den reichsten Menschen der Welt zu gehen, die Weltraumtourismus gerade als neues Hobby für sich und ihre Freundeskreise etablieren. Wir alle haben wohl mittlerweile die Videos gesehen, in denen mehr oder weniger bekannte Menschen nach dem Abwerfen der letzten Antriebsstufe von ihren Sitzen schweben und in der Schwerelosigkeit spielen. Nach diesen Flügen geben einige von ihnen Interviews, in denen sie die profunde Veränderung beschreiben die der Flug in ihnen ausgelöst habe: Neben dem Overwiew-Effekt1 2 und Gedanken zur Fragilität der Erde ist die Schwerelosigkeit wohl die eindrücklichste Erfahrung bei diesen Flügen. Für Jeff Bezos fühlte sich dieser Teil der Reise sogar so an wie die Rückkehr in den Mutterleib3 (eine Aussage, der vermutlich vor allem Jeff Bezos Psychoanalytiker große Bedeutung bemessen wird). Außerdem hört man von der Verbundenheit zu allen Menschen und von einem Gefühl von Liebe, das man in den Weiten des Weltraums zu spüren bekommt.
Das hört sich alles nach aufregenden und lebensverändernden Erfahrungen an, aber was passiert objektiv auf diesen Flügen? Fliegt man wirklich bis in den Weltraum? Warum sind die Passagiere auf 100 km Höhe schon komplett schwerelos und was kann man auf einem solchen Flug ungefähr sehen? Da ich mir auf absehbare Zeit wie die meisten von uns kein Ticket für einen solchen Kurztrip werde leisten können und zusätzlich auch gewisse Bedenken hätte, innerhalb von 10 Minuten mehr CO2 auszustoßen als sonst in 3 Jahren4, bleibt mir vorerst nur die Physik, um mir ein Bild von der Sache zu machen.
Bis an den Rand des Weltalls
Starten wir mit der Frage nach der Höhe. Der genaue Wert hängt von der jeweiligen Fluggesellschaft ab. Blue Origin fliegt auf etwa 100 km Höhe, Virgin Galactic gibt sich mit 80 km zufrieden und SpaceX fliegt auf ca 400 km. Dass sie damit den Weltraum erreichen, behaupten alle – und je nach Definition stimmt das auch.
International liegt die Grenze des Weltraums für die meisten Staaten an der Kármán-Line auf 100km Höhe. Die Idee dabei ist es, die Grenze des Weltraums auf eine Höhe zu legen, auf die man nicht mit traditionellen Fluggeräten (also Flugzeugen mit Propeller oder Düsenantrieb) fliegen kann, da die Atmosphäre hier zu dünn ist5. Man könnte also das Argument auch umdrehen und sagen, die Tourismus Raketen fliegen gerade genau so hoch, um ihren Einsatz zu rechtfertigen.
Ein anderes Argument für die Grenze des Weltraums ist, die Grenze dorthin zu legen, wo die Luft dünn genug ist, sodass Satelliten nicht durch die Luftreibung abgebremst werden, sondern auf ihrem Orbit bleiben können. Und diese Linie liegt etwa bei 80 km. Aus eher traditionellen Gründen wurde sie aber auf 100km festgelegt. Diese Definition ist juristisch gesehen sinnvoll, da sich dann ab dieser Höhe Satelliten frei bewegen können, ohne ständig in fremde Lufträume einzudringen – was sie weiter unten auf ihrer Umlaufbahn zwangsläufig tun würden5.
Das bedeutet also, man fliegt mit allen Anbietern in den Weltraum. Mit einigen mehr, mit anderen weniger – allerdings ist nicht zu erwarten, dass mit dem Überschreiten dieser Grenze etwas Magisches passiert. Physikalisch gibt es keine eindeutige harte Grenze, sondern es handelt sich eher um einen fließenden Übergang. Falls einem so etwas wichtig ist, kann man aber nach dem Überschreiten rechtssicher behaupten, man war im Weltraum und vorher nicht.
Aber wie weit ist man da jetzt von der Erde entfernt? 100km – 400 km hört sich im Vergleich zu irdischen Maßstäben nach nicht so viel an. Eine Fahrt in den Kroatienurlaub von München aus sind immerhin mit etwa 800 km deutlich mehr (und mir wurde schon von Vätern berichtet, die diese Strecke am Stück gefahren sind).
100 km Höhe hört sich aber irgendwie beeindruckender an als 100 km auf dem Boden. Immerhin ist das ca 10x so weit weg von der Erde wie ein Verkehrsflugzeug. Allerdings sind Distanzen und Größen im Weltraum immer schnell unvorstellbar, daher hier eine Abbildung, um die Höhe zu veranschaulichen.

Im Vergleich zur Größe der Erde sind 100 km also gar nicht viel, die 400km von SpaceX (die gleiche Höhe wie die eingezeichnete Bahn der ISS) sieht da schon beeindruckender aus, allerdings sieht es nicht so aus, als wäre man hier schon weit genug entfernt um die Erde als blaue Murmel im All schweben zu sehen.
So weit das Auge reicht
Die Entfernung des Horizonts hängt von der Höhe ab, auf der man sich befindet. Und wie weit entfernt der Horizont ist, sagt einem, wie groß der Ausschnitt der Erde ist, den man sehen kann. Da die Erde eine Kugel ist, kann man weiter schauen, je höher man steht.
So ist der Horizont ca 5 km entfernt, wenn man sich ohne Erhöhung aus einer Augenhöhe von 1,80m umschaut. Aus dem Restaurant im Berliner Fernsehturm (ca 200m hoch) kann man schon etwa 10x so weit schauen. Auf 100 km, um die es etwa beim Weltraumtourismus geht, kann man in alle Richtungen ca 1200 km weit sehen.
Senkrecht über dem Startpunkt der Blue Origin beispielsweise sieht man dann große Teile der USA und Mexiko und im Osten und Westen ein Stück von Atlantik und Pazifik. Was man genau sieht, findet ihr hier als Kreis eingezeichnet. Sicher ein beeindruckender Ausblick – gerade für jemanden wie mich, der im Urlaub auf jeden Turm klettert, um die Aussicht zu genießen. Aber gleichzeitig doch deutlich ähnlicher zu dem, was man aus einem Flugzeugfenster sehen kann, als das, was Astronautinnen und Astronauten auf dem Mond sehen oder die Fotos, die uns von Sonden und Satelliten zurück geschickt werden.
Schwerelose Parabeln in der Mesosphere
Ein sehr bekanntes Phänomen auf diesen Flügen ist die bereits anfangs erwähnte Schwerelosigkeit. Haben wir nicht alle mittlerweile die Bilder von verzückten Milliardären gesehen, die sich in der Luft drehen und sich Bälle zuwerfen? Aber ist es nicht erstaunlich, dass die Erdanziehungskraft so klein ist, wenn man nur 100 km in die Höhe fliegt, vor allem wenn einem klar wird, wie wenig weit das von der Erde entfernt ist?
Die Erdanziehungskraft sinkt quadratisch mit dem Abstand zur Erde – genauer gesagt zum Mittelpunkt der Erde. (Auch das stimmt nicht ganz, weil die Erde keine perfekte Kugel ist, für unsere Abschätzung reicht es aber völlig aus).
Bewegt sich also eine Astronautin von der Erde weg, wird die Gravitationskraft, die sie aus Richtung der Erde verspürt, immer geringer und zwar mit dem Quadrat der Entfernung. Wenn man nun die Kraft ausrechnet, die in 100km Höhe, also dem höchsten Punkt bei einem Flug mit Blue Origin, auf jeden Körper wirkt, dann kommt man auf 97% der Anziehung, die auf der Erde herrscht.
Das bedeutet also, eine 60 kg schwere Astronautin würde sich in etwa so fühlen, als würde sie 2kg weniger wiegen. Also bei weitem nicht genug, um sich komplett schwerelos durch den Raum zu bewegen.
Die Kapsel im freien Fall: Fallen ohne zu fallen
Das Gefühl der Schwerelosigkeit auf diesen Flügen hat tatsächlich rein gar nichts mit der Höhe zu tun, sondern damit, dass nach Beenden des Antriebs und bevor nennenswerte Luftreibung die Kapsel bremst, auf Insassen und Kapsel genau die gleichen Kräfte wirken. Die Kapsel fliegt in einer Parabel, genauso wie die Menschen in der Kapsel.
Ganz ähnliches passiert in einem Free-Fall-Tower. Auch hier wird man von seinem Sitz gehoben – nur dass der schwerelose Teil hier deutlich kürzer ist, und durch das offensichtliche Fallen vermutlich deutlich anders wahrgenommen wird als in der Kapsel eines Raumschiffs.
Würde man mit seinem Raumschiff in der Nähe des höchsten Punktes der Kapsel parken, würde man sehen, wie die Kapsel nach dem Abschalten des Antriebsmoduls ohne Antrieb und nennenswerte Luftreibung die gleiche Flugbahn vollzieht, wie ein Ball, den man nach oben wirft. Erst wird sie also von der Gravitation in ihrem Aufstieg gebremst und dann zurück Richtung Erde beschleunigt.
In der Kapsel würde man Menschen sehen, die im Wesentlichen die gleiche Flugbahn vollziehen. Die Astronautinnen in der Kapsel werden also erst abgebremst und fallen dann immer schneller Richtung Erde, aber gleichzeitig bewegt sich der Raum, in dem sie sich befinden (also die Kapsel), immer genau so schnell und in die gleiche Richtung, wodurch sich die Schwerelosigkeit in dieser fallenden Kapsel einstellt.
Die Menschen in der Kapsel sind also nur in Relation zu der Kapsel schwerelos. Die große Höhe, in der das Ganze stattfindet, hilft nur dabei, diesen Zustand länger aufrecht zu erhalten, da der Fall länger andauern kann, bevor gebremst wird. Etwas sehr Ähnliches wird schon lange zu Forschungszwecken bei sogenannten Parabelflügen erreicht. Hierbei wird mit einem Flugzeug eine Parabel geflogen, wodurch sich innerhalb des Flugzeugs für ca 30s Schwerelosigkeit einstellt7.
Wie höch müsste man für „echte“ Schwerelosigkeit fliegen?
Aber wie hoch müsste man nun fliegen, um dauerhaft schwerelos zu sein, also der spürbaren Erdanziehungskraft zu entkommen? Auf der Höhe der Internationalen Raumstation ISS, auf etwa 400 km Höhe, also etwa die Höhe, auf die auch SpaceX Menschen mit dem nötigen Reichtum fliegt, sind immer noch 88% der Erdanziehungskraft zu spüren.
Der Grund, warum AustronautInnen hier schwerelos sind, ist die Tatsache, dass sich die ISS in einem Orbit um die Erde bewegt. Ein Orbit ist eine Kreisbahn – oder genauer gesagt eine Elypse – um die Erde, in der sich die Fliehkraft und die Erdanziehungskraft genau ausgleichen. Dadurch kann die Raumstation immer auf der gleichen Umlaufbahn bleiben, ohne wieder zur Erde zu stürzen. Für die Insassen gilt dabei das Gleiche, wodurch sie Schwerelosigkeit erfahren.
Um wirklich keine oder eine sehr geringe Erdanziehungskraft zu spüren, müsste man deutlich weiter weg fliegen. Um z.B. die Gravitationskraft auf die Hälfte zu reduzieren, muss man auf ca 3000 km aufsteigen (also um etwa das 30-fache der Höhe, auf die Blue Origin auf ihren Flügen steigt). Und um die Kraft auf ein Zehntel zu reduzieren, auf etwa 12000 km.
Was bleibt vom Weltraumtraum?
Die letzte Überlegung zur Schwerkraft ist natürlich erstmal nur eine Betrachtung der Physik: interessant für alle, die so etwas spannend finden, aber ohne große Auswirkungen auf das Erlebnis: Die Reisenden werden sich einige Minuten schwerelos fühlen.
Letztendlich ist es doch aber so: Für einen Preis, der das Lebenseinkommen der allermeisten Menschen übersteigt (einige Hunderttausend bis mehrere Millionen Dollar – je nach Fluggesellschaft) und einen enormen CO2 Ausstoß4, gibt es auf diesen Flügen ein paar Minuten Schwerelosigkeit, einen Blick nach unten und die Bestätigung, dass man das Weltall besucht hat. Ob ein solches Erlebnis lebensverändernd ist und tiefe Einblicke in unsere Beziehung zur Erde ermöglicht, können natürlich nur die sagen, die einen solchen Flug absolviert haben – ich habe aber den leisen Verdacht, dass einige der Aussagen nach den Flügen mehr über die verraten, die sie tätigen (oder über ihr Public Relations Management), als über die Flüge an sich.
Vielleicht werden wir in Zukunft Technologien entwickeln, die eines Tages echten Weltraumtourismus möglich und erschwinglich machen. Bis dahin bleibe ich auf unserem „Pale Blue Dot“ und lasse mich durch die beeindruckenden Fotos unserer Erde aus dem Weltall und beim Blick in den Sternenhimmel inspirieren, in der Hoffnung, dass die 5 Minuten Schwerelosigkeit von Jeff Bezos und Co. uns am Ende nicht genau diese Zukunft kosten werden.
- Overview-Effekt. Wikipedia, Wikimedia Foundation, zuletzt editiert am 12 Aug. 2025, abgerufen am 18.01.2026. ↩︎
- Leonard David. Space philosopher Frank White on ‚The Overview Effect‘ and humanity’s connection with Earth. space.com, 2 Aug. 2022, abgerufen am 18.01.2026.John Uri. 90 Years of Our Changing Views of Earth. nasa.gov, 21 Dez. 2020, abgerufen am 18.01.2026. ↩︎
- Lex Fridman. Amazon and Blue Origin. Lex Fridman Podcast, Folge 405, 14 Dez. 2023. ↩︎
- Anna Kucera. Suborbitaler Weltraumtourismus und wieso jede Person zählt. Österreichisches Weltraum Forum, 30 Aug. 2022 , abgerufen am 18.01.2026. ↩︎
- Jonathan C. McDowell. The edge of space: Revisiting the Karman Line. Acta Astronautica 151, 668-677 (2018). ↩︎
- Jonathan C. McDowell. The edge of space: Revisiting the Karman Line. Acta Astronautica 151, 668-677 (2018). ↩︎
- ESA. Parabolic flights. esa.int, abgerufen am 18.01.2026. ↩︎
- Anna Kucera. Suborbitaler Weltraumtourismus und wieso jede Person zählt. Österreichisches Weltraum Forum, 30 Aug. 2022 , abgerufen am 18.01.2026. ↩︎