Vor über einem Monat haben die USA und Israel begonnen den Iran anzugreifen. Das konkrete Ziel dieses Krieges scheint nicht klar zu sein, aber immer wieder wird als Begründung das Nuklearprogramm des Irans genannt 1. Die angreifenden Parteien möchten also den Iran daran hindern, in den Besitz von Kernwaffen zu gelangen. Als Physiker habe ich mich da natürlich gefragt: Was bedeutet das eigentlich konkret auf einer materiellen Ebene? Was müssten Israel und die USA zerstören oder sicherstellen, um nachhaltig den Bau von Atomwaffen zu verhindern? Und: Ist das mit Bomben überhaupt möglich?
Um diese Fragen zu beantworten, muss man zunächst verstehen, was ein Land eigentlich braucht, um eine Atombombe zu bauen. Grundsätzlich gibt es verschiedene Typen von Nuklearwaffen – von der „einfachen“ Spaltungsbombe über die Wasserstoffbombe bis hin zur schmutzigen Bombe. Für den Iran ist aber vor allem ein Pfad relevant: der Bau einer Spaltungsbombe auf Basis von hochangereichertem Uran. Und genau diesen Pfad, vom Rohmaterial zur Waffe, werden wir uns in diesem Artikel genauer ansehen – und am Ende auch die Frage, ob das iranische Uran selbst dann ein Sicherheitsrisiko darstellt, wenn es nie in einer Atombombe landet.
Bevor wir aber anfangen: die Betrachtung von Uran, messbar in kg und die Überlegungen, wer wie eine Bombe bauen könnte, sollen nicht davon ablenken, dass dieser Krieg großes Leid und Zerstörung mit sich bringt. Die Zahlen variieren je nach Quelle aber schon heute sind viele tausend Menschen durch den aktuellen Krieg getötet und mehrere zehntausende verletzt worden, die große Mehrheit davon im Iran. Dieser Tatsache wird eine technische Betrachtung eines Teilaspekts sicher nicht gerecht, aber zur Einordnung ist es dennoch hilfreich sich mit den physikalischen Hintergründen zu beschäftigen.
Was braucht man für eine Atombombe?
Fangen wir ganz am Anfang an. Was braucht ein Land eigentlich, um eine Atombombe zu bauen? Im Kern geht es um eine sogenannte nukleare Kettenreaktion. Bestimmte schwere Atomkerne, vor allem Uran-235 und Plutonium-239, lassen sich durch Neutronenbeschuss spalten. Bei jeder solchen Spaltung werden enorme Mengen an Energie freigesetzt. Außerdem erzeugt jede solche Spaltung weitere Neutronen, die ihrerseits neue Spaltungen auslösen können. Wenn genug spaltbares Material auf engem Raum zusammengebracht wird – man spricht von einer kritischen Masse – läuft diese Kettenreaktion explosionsartig ab. Das ist, sehr vereinfacht, das Prinzip einer Atombombe.
Grundsätzlich gibt es zwei Wege zu einer solchen Waffe 2: Man kann entweder Plutonium-239 in einem Reaktor erbrüten oder man reichert Uran so weit an, dass es für eine Kettenreaktion geeignet ist. Beide Wege sind technisch extrem anspruchsvoll, aber auf ganz unterschiedliche Art. Da für den aktuellen Krieg der Weg über Uran relevant ist, konzentrieren wir uns hier auf diesen.
Natürliches Uran, gewonnen aus Uranerz ist eine Mischung aus zwei Isotopen: Uran-238 hat den größeren Anteil (ca. 99,3%) und Uran-235 stellt einen kleinen Anteil (ca. 0,7%). Diese Isotope sind chemisch nicht unterscheidbar, haben aber unterschiedlich zusammengesetzte Atomkerne. Das letztere – Uran-235 hat die nötigen Eigenschaften, um in einer Kettenreaktion Energie freizusetzen und diese Eigenschaft wird zur Stromerzeugung in einem Reaktor, oder zur Zerstörung in einer Bombe eingesetzt. In einem Kraftwerk soll diese Energiefreisetzung kontrolliert über einen längeren Zeitraum stattfinden, in einer Bombe extrem schnell, um zu einer massiven Explosion zu führen. Auf Grund dieser Unterschiede benötigt man für die zivile Nutzung Uran in dem der Anteil von Uran-235 von den ursprünglich 0,7% auf etwa 3–5% erhöht wurde und für eine Waffe mehr: Als „waffenfähig“ wird Uran konventionell ab einer Anreicherung von etwa 90% Uran-235 bezeichnet.
Allerdings ist die 90%-Schwelle eher eine Konvention als eine harte physikalische Grenze. Kernwaffen sind auch mit geringerer Anreicherung realisierbar – die über Hiroshima abgeworfene Bombe „Little Boy“ etwa verwendete Uran mit durchschnittlich ca. 80% Anreicherung 3, und wie wir später sehen werden, sind unter bestimmten Bedingungen sogar noch niedrigere Anreicherungsgrade ausreichend. Entscheidend ist, dass genug spaltbares Material auf engem Raum zusammenkommt: Die kritische Masse für reines Uran-235 liegt bei etwa 47 kg 4. Mit technischen Tricks (z.B. einem Neutronenreflektor – einer Hülle aus schwerem Material, die entkommende Neutronen zurück in den Kern reflektiert) kann diese Menge auch gesenkt werden.
Das Schwierige an der Urananreicherung ist, dass sich die beiden Isotope U-235 und U-238 chemisch praktisch identisch verhalten – sie unterscheiden sich nur minimal in ihrer Masse. Um sie zu trennen, nutzt man heute fast ausschließlich Gaszentrifugen. Dazu wird das Uran zunächst in eine gasförmige Verbindung umgewandelt: Uranhexafluorid, kurz UF₆. Dieses Gas wird in schnell rotierende Zentrifugen eingespeist. Durch die Rotation werden die etwas schwereren UF₆-Moleküle mit U-238 leicht nach außen gedrückt, während die leichteren Moleküle mit U-235 sich eher in der Mitte sammeln 5. Der Effekt pro Zentrifuge ist relativ klein und so sind viele Durchgänge nötig, um von den natürlichen 0,7% auf waffenfähige 90% zu kommen.
Wie zeitaufwändig die Anreicherung genau ist, hängt von vielen Faktoren ab, vor allem davon, welche Technologie genau eingesetzt wird und wie viele Zentrifugen zur Verfügung stehen. Es gibt viele Möglichkeiten die Zentrifugen in so genannten Kaskaden hintereinander anzuordnen, um das natürliche Uran möglichst effizient zu nutzen, aber um ein Gefühl für Zeit- und Materialeinsatz zu bekommen hier ein Beispiel: für das libysche Atomprogramm wurde eine Anordnung vorgeschlagen, in der insgesamt knapp 6000 Zentrifugen waffenfähiges Uran produzieren. Um genug Uran für eine Bombe zu produzieren, bräuchte eine solche Anlage etwa 15t natürliches Uran und müsste über ein halbes Jahr ununterbrochen betrieben werden 6.
Ein wichtiges Detail, das später noch eine Rolle spielen wird: Der Aufwand, Uran anzureichern, verteilt sich ungleichmäßig über die verschiedenen Stufen. Der größte Teil dieser Arbeit entfällt auf die ersten Schritte: Von den natürlichen 0,7% auf 5% zu kommen, ist bei weitem der aufwändigste Teil des gesamten Prozesses. Danach sinkt der Aufwand pro zusätzlichen Prozentpunkt immer weiter. In der gerade beschriebenen Kaskade des libyschen Atomprogramms werden z.B. nur gut 100 Zentrifugen der insgesamt etwa 6000 Zentrifugen für den letzten Schritt von 60% angereichertem Uran auf die benötigten 90% verwendet.
Neben dem spaltbaren Material braucht man natürlich noch einiges mehr: ein funktionierendes Waffendesign, einen Zündmechanismus und idealerweise ein Trägersystem wie eine Rakete. Außerdem muss das angereicherte UF₆-Gas zunächst in Uranmetall umgewandelt werden – ein mehrstufiger chemischer Prozess, der technisch anspruchsvoll, aber gut verstanden ist. Aber die mit Abstand größte Hürde auf dem Weg zur Bombe ist und bleibt die Herstellung des spaltbaren Materials. Wer genug waffenfähiges Uran hat, hat einen großen Teil des Weges schon hinter sich.
Wie ist die Situation im Iran?
Da aktuell im Iran Krieg herrscht ist es natürlich schwer zu sagen, was genau die aktuelle Situation ist, und welche Möglichkeiten der Anreicherung und Weiterverarbeitung im Iran im Moment gegeben sind. Allerdings lässt sich ein Grobes Bild zusammensetzen, wie es vor den aktuellen Angriffen seit Februar 2026 aussah.
Der Iran betreibt – oder besser: betrieb bis Juni 2025 – mehrere Anlagen zur Urananreicherung. Die beiden wichtigsten sind die oberirdische Anlage in Natanz und die in einem Bergmassiv vergrabene Anlage in Fordow. In den Anlagen befinden sich viele (hunderte) Gaszentrifugen zur Anreicherung von Uran. Eine dritte Anlage in Isfahan diente unter anderem der chemischen Konversion von Uran von seinem Gasförmigen Zustand zurück in ein Metall nach erfolgreicher Anreicherung. Dies ist der letzte Schritt nach dem Zentrifugieren, um aus natürlichem Uran angereichertes Uran zu machen 7.
Zum Zeitpunkt der amerikanischen und israelischen Angriffe im Juni 2025 verfügte der Iran laut IAEO (Internationale Atomenergie-Organisation, Englisch IAEA) über einen Vorrat von etwa 440 kg Uran, das auf 60% angereichert war. Das Uran wurde in form von UF₆ in Druckgasbehältern von vergleichbarer Größe wie Tauchgaszylindern gelagert 8, 9. Dazu kamen erhebliche Mengen an niedriger angereichertem Uran (auf 20% und auf unter 5%). Wie wir oben gesehen haben, ist es von dem auf 60% angereichertem Uran zu Waffenfähigem Uran nur ein verhältnismäßig kleiner Schritt. Warum das Uran nicht direkt auf 90% angereichert worden ist, hat vermutlich vor allem strategische und verhandlungstaktische Gründe.
Wenn die gesamte Menge des auf 60% angereicherten Urans im Iran auf waffenfähige 90% angereichert würde, reicht das Material laut IAEO für etwa zehn Nuklearwaffen 10. Diese Zahl hängt natürlich vom konkreten Waffendesign ab, gibt aber eine Vorstellung von der Größenordnung. Der Iran besitzt also nicht nur genug Material, um sich dem Bau einer einzelnen Bombe zu nähern, sondern potenziell für ein kleines Arsenal.
Wenn man bedenkt, wie viel Zerstörung zehn Atombomben anrichten könnten, ist es erstaunlich, wie klein das Volumen dieser 440kg gelagerten Urans letztendlich ist. Um nicht in einen kritischen Bereich zu kommen, in dem spontane Kettenreaktionen gestartet werden können, kann das Material nicht alles auf einmal in einem einzelnen Behälter gelagert werden. Abschätzungen gehen davon aus, dass das gesamte Material in ca. 30 – 60 Zylinder in der besagten Größe von Tauchgasflaschen gelagert sein könnte, keine besonders große Menge also, wenn es darum geht Material zu verstecken 11. Unter Einhaltung der nötigen Sicherheitsprotokolle könnten die gesamten Vorräte an 60% angereichertem Uran mit einem Schwertransporter von einem Ort zum anderen transportiert werden. Eine interessante Analyse, wie das unter Umständen auch schon passiert sein könnte, findet ihr im Bulletin of the Atomic Scientists 12.
Wie nah war der Iran damit an einer Waffe? Hier kommt die ungleichmäßige Verteilung des Anreicherungsaufwands aus dem letzten Abschnitt ins Spiel. Um die 440 kg mit 60% Anreicherung auf 90% weiter anzureichern, wäre vergleichsweise wenig zusätzliche Trennarbeit nötig. Vor den Angriffen im Juni 2025 schätzten ExpertInnen, dass der Iran mit seinen vorhandenen Zentrifugen innerhalb von etwa einer Woche genug Material für mehrere Sprengköpfe auf 90% hätte anreichern können 13. Nach der Zerstörung der Anreicherungsanlagen ist das natürlich nicht mehr ohne weiteres möglich – aber das Material selbst existiert weiterhin. Und es ist unklar, wie viele Zentrifugen es an welchem Ort aktuell noch gibt. Aber man kann wohl davon ausgehen, dass es weniger als ein halbes Jahr dauern würde, um das auf 60% angereicherte Uran auf 90% zu bringen 14. Allerdings stammen diese Schätzungen von der Zeit vor den großflächigen Angriffen durch die USA und Israel und sind somit unter Umständen nicht mehr aktuell.
Wie zerstört man Uran?
Die Frage klingt einfach, aber die Antwort ist es nicht. Uran ist ein chemisches Element – und chemische Elemente lassen sich nicht einfach vernichten. Man kann Uran in chemische Verbindungen einbauen, verteilen oder verdünnen. Aber die Uranatome selbst, und insbesondere das für eine Waffe relevante Isotop U-235, bleiben dabei erhalten. Um U-235 tatsächlich in ein anderes Element umzuwandeln, müsste man es einer Kernreaktion unterziehen – also in einem Reaktor bestrahlen oder zur Spaltung bringen. Das ist natürlich nicht das, was man sich unter „Zerstörung“ vorstellt.
Welche Optionen gibt es also, um das iranische 60%-Uran als Proliferationsrisiko unter Gewaltanwendung auszuschalten? Im Wesentlichen drei – und keine davon ist einfach.
Option 1: Bombardierung der Lagerstätten. Die konzeptionell naheliegendste Option wäre, die unterirdischen Lager direkt anzugreifen und die Behälter mit dem UF₆ zu zerstören. Praktisch steht dem entgegen, dass die Tunnel in Isfahan so tief liegen, dass sie mit konventionellen Waffen nicht erreichbar sind. Aber selbst, wenn man die Behälter zerstören könnte, wäre das Uran nicht „weg“. UF₆ reagiert bei Kontakt mit Luftfeuchtigkeit sofort zu Uranyloxidfluorid (UO₂F₂) und giftiger Flusssäure (HF) 15. Das Uran wäre danach in einer anderen chemischen Form, kontaminiert, vermischt mit Trümmern und Erdreich – und es zurückzugewinnen und wieder für eine Waffe nutzbar zu machen, wäre extrem aufwändig.
Hinzu kommt ein Risiko, das einen solchen Angriff besonders heikel macht: Wenn eine Explosion genug hochangereichertes Uran auf engem Raum zusammenpresst, besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit einer unkontrollierten Fissionsreaktion. Das wäre keine Atomexplosion im Sinne einer Bombe, aber eine kurze, heftige Kettenreaktion, die intensive Strahlung und lokale Kontamination verursachen würde. Unter Umständen war diese Überlegung ein Grund, dass die Lager in Isfahan 2025 nicht direkt angegriffen worden sind 16.
Option 2: Abtransport des Materials. Spezialeinheiten könnten in den Iran geschickt werden, um das angereicherte Uran zu bergen und außer Landes zu bringen 17. Das wäre die sauberste Lösung aus Nonproliferationssicht – das Material wäre physisch nicht mehr im Iran. Aber die praktischen Hürden sind enorm. UF₆ ist hochgiftig und radioaktiv und die Behälter müssten mit Spezialausrüstung gehandhabt werden. Das Material ist vermutlich mittlerweile auf mehrere Standorte verteilt, von denen nicht alle bekannt sein dürften. Und all das müsste in einem aktiven Kriegsgebiet geschehen, in dem iranische Streitkräfte die Operationskräfte angreifen könnten. Das US-Militär verfügt zwar über spezialisierte Einheiten und Ausrüstung für solche Szenarien – etwa die sogenannte Mobile Uranium Facility, die für die Bergung von HEU in unsicheren Umgebungen entwickelt wurde 18 – aber ein solcher Einsatz würde eine große Bodenoperation mit erheblichem Risiko für das beteiligte Personal bedeuten.
Option 3: Neutralisierung vor Ort. Theoretisch könnte man das UF₆ auch vor Ort in eine weniger relevante Form umwandeln – etwa durch chemische Prozesse, oder durch Verdünnung. Dies würde aber ebenfalls Zugang zu den Lagerstätten und erhebliche Zeit vor Ort erfordern – unter denselben schwierigen Bedingungen wie bei Option 2.
Keine der drei Optionen löst das Problem also vollständig. Selbst im Fall eines erfolgreichen Abtransportes des gesamten 60%-Urans – blieben niedrig angereichertes Uran, versteckte Zentrifugen und vor allem das Wissen, wie man all das zusammenbringt, im Iran. Was außerdem alle drei Optionen gemeinsam haben: es muss klar sein, wo sich das Uran befindet um mit Gewalt einen Schritt weiter zu kommen, was unter Umständen eine der größten Hürden darstellt 19.
Unkonventionelle Wege zur Bombe
Neben den „gängigen“ Wegen zu einer Atomwaffe gibt es auch noch andere Möglichkeiten, wie aus dem angereichertem Uran eine Waffe werden könnte. Insbesondere wenn es in nicht-Staatliche Hände gelangt besteht die Frage, was damit ohne weitere Anreicherungsschritte passieren könnte.
Beim Waffendesign selbst gibt es zwei grundlegend verschiedene Ansätze. Beim sogenannten Gun-Type-Design wird eine unterkritische Uranmasse mit konventionellem Sprengstoff auf eine zweite geschossen, sodass beide zusammen die kritische Masse überschreiten und eine Kettenreaktion auslösen. Dieses Design ist vergleichsweise simpel und physikalisch so gut verstanden, dass es mit hoher Zuverlässigkeit funktioniert, ohne jemals getestet worden zu sein – die Hiroshima-Bombe „Little Boy“ war genauso ein ungetestetes Gun-Type-Design 20. Das zweite, technisch anspruchsvollere Konzept ist das Implosionsdesign, bei dem eine Kugel aus spaltbarem Material durch eine symmetrische Druckwelle von allen Seiten gleichzeitig komprimiert wird. Dieses Design erfordert deutlich mehr Entwicklungsarbeit und typischerweise Atomtests, spielt also höchstwahrscheinlich für eine schnell gebaute Bombe keine Rolle.
Das Szenario einer ungetesteten Gun-Type-Bombe hat eine erschreckend konkrete Dimension. In einer im Juli 2025 veröffentlichten Arbeit wurde gezeigt, dass bereits 40 kg Uran mit 60% Anreicherung ausreichen, um eine primitive Spaltungsbombe mit einer Sprengkraft im Kilotonnenbereich zu bauen 21. Das Waffendesign wäre dabei ein einfaches Gun-Type-Design – im Prinzip eine skalierte Version der Hiroshima-Bombe. Die Waffe wäre mit 10 bis 20 Tonnen viel zu schwer für eine Rakete, könnte aber in einem handelsüblichen Schiffscontainer transportiert werden. 40 kg – das ist weniger als ein Zehntel des iranischen Vorrats. Sowohl von staatlichen als auch von nicht staatlichen Akteuren könnte bereits jetzt eine sehr potente Waffe gebaut werden.
Nun aber zur schmutzigen Bombe, die ich eingangs schon erwähnt habe. Eine schmutzige Bombe ist konzeptionell viel einfacher als eine Atombombe: konventioneller Sprengstoff, der radioaktives Material in der Umgebung verteilt. Keine Kettenreaktion, keine Kernspaltung, keine Pilzwolke. Die Zerstörungskraft kommt vom konventionellen Sprengstoff; das radioaktive Material sorgt für langfristige Kontamination, die ganze Stadtteile unbewohnbar machen könnte, und vor allem für Panik.
Hier muss man allerdings ehrlich sein: Uran, auch hochangereichertes, ist für eine schmutzige Bombe eigentlich nicht besonders gut geeignet. Im Vergleich zu typischen Kandidaten wie Caesium-137 oder Cobalt-60 ist Uran vergleichsweise schwach radioaktiv – die Halbwertszeit von U-235 beträgt über 700 Millionen Jahre, was bedeutet, dass es pro Zeiteinheit relativ wenig Strahlung abgibt. Für eine schmutzige Bombe, die auf maximale radiologische Wirkung abzielt, gäbe es wirksamere Materialien, die zudem leichter zu beschaffen wären, etwa aus medizinischen oder industriellen Quellen. Trotzdem wäre die Wirkung einer schmutzigen Bombe mit angereichertem Uran nicht zu unterschätzen und die Kosten für die Dekontamination und Evakuierung betroffener Gebiete wären enorm.
Das eigentliche Risiko liegt also weniger in der schmutzigen Bombe als vielmehr in der Kombination aus zwei Faktoren: Erstens existiert genug Material für mehrere echte Spaltungsbomben, und das in einem überraschend simplen Design. Zweitens ist dieses Material derzeit praktisch unkontrolliert. Vor den Angriffen war das iranische Uran ein Proliferationsrisiko auf staatlicher Ebene – die Sorge war, dass der iranische Staat sich entscheiden könnte, eine Waffe zu bauen. Jetzt, mit dem Material außerhalb internationaler Überwachung und in einem Land im Krieg, ist ein neues Risiko hinzugekommen: dass nichtstaatliche Akteure an das Material gelangen könnten. Die Angriffe, die das Atomprogramm beenden sollten, haben paradoxerweise genau dieses Risiko erhöht.
Fazit
Kann man also ein Atomprogramm mit Bomben beenden? Nach allem, was wir uns angesehen haben, lautet die Antwort wohl: Nein. Man kann es vielleicht verzögern, man kann Infrastruktur zerstören, man kann den Weg zur Bombe verlängern. Aber das Wissen und das Material lassen sich nur schwer durch Bomben zerstören. Zusätzlich erhöhen die chaotischen Zustände eines Krieges sicherlich die Wahrscheinlichkeit, dass angereichertes Uran in die Hände von nicht staatlichen, schwer zu durchschauenden Organisationen gelangt. Am Ende des Anreicherungsprozesses genügt erstaunlich wenig davon um eine improvisierte Atombombe zu bauen.
Es ist also zum jetzigen Zeitpunkt vollkommen unklar, was die Angriffe in Bezug auf das iranische Atomprogramm genau bewirken werden. Klar ist aber: ca. 400kg hochangereichertes Uran liegen unter Umständen an unbekannten Orten in einem vom Krieg erschütterten Land, außerhalb jeglicher Kontrolle von internationalen Organisationen. Ich bin kein Experte für internationale Politik oder Kriegsführung, aber für mich klingt es plausibel, dass die aktuellen Angriffe den Bau einer Atombombe wahrscheinlicher machen. Eine interessante Analyse dazu, findet ihr z.B. hier (auf Englisch).
- The Guardian. „Trump rationale for war on Iran“. 07.03.2026, abgerufen am 07.04.26.
- Siehe z.B. Nuclear Weapon Archive – umfassende Darstellung der verschiedenen Waffendesigns und Pfade.
- <p>Caplan, M. Implosion Nuclear Weapons with 60%-Enriched Uranium. Science & Global Security, 33, 89-101 (2025).
- European Nuclear Society. „Critical mass.“ euronuclear.org, abgerufen am 07.04.2026.
- <p>Glaser A., Characteristics of the Gas Centrifuge for Uranium Enrichment and Their Relevance for Nuclear Weapon Proliferation. Science & Global Security 16, 1-25 (2008).
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- Fitzpatrick, M. „Attacking Iran and Tempting Fate.“ Survival, 67(4), 7–24 (2025)
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- IAEA Director General’s Statement to UNSC on Situation in Iran, 22.06.2025.
- Reuters, „Much of Iran’s near-bomb-grade uranium likely to be in Isfahan, IAEA’s Grossi says„, 09.03.2026. Abgerufen am 07.04.26
- Cheryl Rofer. „Special Ops To Get The Uranium.“ Lawyers Guns Money, 06.03.26, abgerufen am 07.04.26.
- Diaz-Maurin, François . „Analysis: Iran likely transferred highly enriched uranium to Isfahan before the June strikes„. Bulletin of The Atomic Scientists, 29.03.26, abgerufen am 07.04.26.
- Arms Control Association, „The U.S. War on Iran: New and Lingering Nuclear Risks„, Issue Brief, 10.03.2026.
- Fitzpatrick, M. „Attacking Iran and Tempting Fate.“ Survival, 67(4), 7–24 (2025)
- Murchie, Michael P., Reid, Simon J (2020). Uranium conversion and enrichment. Piro, Markus H.A. (Ed), Advances in Nuclear Fuel Chemistry (331-370). Woodhead Publishing.
- Arms Control Association, „The U.S. War on Iran: New and Lingering Nuclear Risks„, Issue Brief, 10.03.2026.
- Arms Control Association, „Did Iran’s Nuclear and Missile Programs Pose an Imminent Threat? No.„, 03.2026.
- U.S. Department of Energy / NNSA, „Mobile Uranium Facility„.
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- Caplan, M. „Improvised Nuclear Weapons with 60%-Enriched Uranium.“ arXiv:2507.20390v1 (2025)
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